Nach der Revolution ist vor der Revolution….

SisiVerteidigungsminister Sisi, welcher bei der Absetzung von Ex- Präsident Mursi eine wichtige Rolle spielte und der in Ägypten fast messiasartig verehrt wird, ist in der Zwischenzeit aus dem aktiven Militärdienst ausgetreten. Zuvor, noch vom aktuellen Präsidenten, welcher zumindest auf dem Papier sein Chef ist, zum Feldmarschall ernannt, dem höchsten militärischen Rang, man könnte es auch „how to pimp my CV“ nennen, tritt er nun bei den Präsidentschaftswahlen an. Präsident darf offiziell niemand aus dem Militär werden. Aus diesem Grund hat Sisi seine militärische Laufbahn beendet. Nach der erneuten Übernahme der Regierung durch das Militär zierte sich Präsident in spe, Sisi, noch etwas und formulierte eher die Worte „niemals Präsident werden zu wollen“. In den folgenden Wochen veränderte sich dieser Wortlaut aber zu „naja gut, wenn das Volk es will, mach ich`s halt“. Überraschend? Nicht wirklich.

Sisi steht in der Bevölkerung für Stabilität, da er als ehemaliger höchster Mann des Militärs das Selbige hinter sich stehen hat. Das Militär ist aktuell schwer damit beschäftigt, den Terrorismus auf dem Sinai zu bekämpfen. Die Tunnel zwischen Gaza und Ägypten, die die Lebenslinie für die isolierte radikal-islamische Hamas waren, wurden so gründlich geschlossen, dass der Hamas gänzlich der Hahn abgedreht wurde. Damit hat die Hamas mit den Einkünften aus dem Schmuggel durch die Tunnel von Ägypten nach Gaza ihre Haupteinnahmequelle verloren. Das Resultat las sich vor kurzer Zeit in allen Zeitungen. Die Hamas ist scheinbar nicht mehr in der Lage, ihre Herrschaft über den Gazastreifen auf Dauer aufrechtzuerhalten und ist dadurch genötigt, nach über 7 Jahren innerpalästinensischer Trennung ihren Streit mit der moderaten Fatahbewegung von Präsident Abbas beizulegen und einer palästinensische Einheitsregierung zuzustimmen.

Aus dem Sinai hörte man immer wieder von getöteten ägyptischen Soldaten und Terroristen. Insbesondere für den Tourismus einschneidend war ein Anschlag mit einer Bombe im Grenzgebiet zwischen Israel und Ägypten, bei welchem drei Touristen aus Südkorea ums Leben kamen. Tote Touristen und Reisewarnungen vertragen sich so gut wie heißes Öl und Wasser. Die Reisewarnungen der Botschaften schnellten in die Höhe.

Zurück zu Ägyptens neuem starken Mann: Die Präsidentschaftswahlen wurden kurzer Hand vom Interimspräsident, einem ehemaligen Verfassungsrichter, also dem Mann, der von Sisi zuvor eingesetzt worden war, noch schnell vor die Parlamentswahlen geschoben. Es gibt zu denken, dass der neue Präsident Sisi (die Umfragen stehen aktuell bei über 70% für seine Wahl), noch keine Parteizugehörigkeit oder eigene Partei hat. Welche Partei soll man aber für die Parlamentswahlen wählen, wenn man nicht weiß, welcher Partei Sisi angehört. Ist ein bisschen wie bei den Handwerkern hier im schönen Ägypten: Was nicht passt, wird passend gemacht. Ägypten strebt einer Ära der stark regulierten, militärischen Stabilität entgegen. Ähnlich den letzten Jahrzenten. Also der Zeit, gegen welche sich die erste Revolution richtete. Aber die meisten Ägypter wollen lieber die alten Tage zurück, als einen islamisch geführten Gottesstaat. Das zumindest kann man Sisi nicht vorwerfen. Er ist zwar ein sehr gläubiger Mann, sieht aber Staat und Religion klar getrennt.

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Serviceparadies


Man schimpft ja in europäischen Breiten gerne über die Servicewüste. Hier in Ägypten ist das anders:

Es ist alles lieferbar, man kann sich jemanden bestellen, der Einkäufe erledigt, der zum Schneider geht, der die Telefonrechnung bezahlt, regelmäßig kommen die Leute von Strom und Gas vorbei und kassieren die 70 Cent Rechnung (!!!) des letzten Monats. Selbst Mc Donalds hat einen Lieferservice. Und die Lieferkosten betragen so ca. 50 Cent. Übersetzt könnte man sagen: „Men- oder womenpower“ besitzt hier eher einen untergeordneten Stellenwert.

Und so habe ich gestern unabsichtlich den Vogel der Dekadenz abgeschossen:

Wenn man hier in Kairo in den Supermarkt geht ist der Einkauf selbst verständlicherweise für 50 Cent nach Hause lieferbar. Bei Ankunft gibt man dann noch einmal 50 Cent Trinkgeld und der Einkauf ist für einen Euro nach Hause geliefert. Bei Großeinkäufen, wie großen Mengen Wasser, macht das ja auch Sinn und der geringe Preis der Lieferung ist so verführerisch „faul“ machend, dass man auch immer wieder mal hingerissen ist zu sagen, „ach, ich geh noch nicht direkt nach Hause, dann liefert mir doch meinen Einkauf so in einer Stunde“…

Ich kaufe also, zwar nicht übertrieben viel, aber doch so, dass ich keine Lust hatte,  sechs Einkaufstüten/ -sackerln durch ganz Zamalek (Bezirk in dem wir wohnen) zu schleppen. Bezahlt, gebe ich dem Herren meine Adresse an und verlasse frohen Mutes das Geschäft. Vor dem Supermarkt treffe ich meine Einkäufe in einem Einkaufswagen samt Transporteur wieder an. Er fragt mich, wo denn meine Straße so ca. sei. Mit der Hand zeige ich ihm die Himmelsrichtung mit den Worten „ca. 10 Minuten dort entlang“. Er dankt, ich nehme an, er geht jetzt zu seinem Auto, stattdessen geht er mit dem rumpelnden Einkaufswagen neben mir her. Ich frage, „wieso er denn nicht das Auto benutze?“, worauf er mir antwortet, dass dieses heute nicht funktioniere und er mir somit meinen Einkauf im Einkaufswagen nach Hause schieben werde. Mit grossen Augen, drüber nach sinnend, was ich darauf jetzt sagen sollte, gingen wir rumpelnd und lärmmachend auf Kairos löchrigen Straßen im Hauptverkehr gen Süden. Er war kein bisschen peinlich berührt, ich einfach sehr sprachlos. Selbstverständlich hat er diesmal sehr viel mehr Trinkgeld bekommen. Ich musste ja irgendwie mein europäisch geprägtes schlechtes Gewissen freikaufen. Hätte ich nur mal in kultureller Sensibilisierung in den Vorbereitungswochen besser aufgepasst.

Indonesien…

a7Eine Ewigkeit ist vergangen seit meinem letzten Blogeintrag. Das lag hauptsächlich daran, dass Konny und ich einen Monat in Indonesien und Thailand herumgereist sind und unseren „Honeymoon“ nachgeholt haben. So kann ich nicht viel über die aktuellen Ereignisse hier in Ägypten berichten. Anderseits hat sich auch leider nur wenig verändert. Nach den Freitagsgebeten gibt es nach wie vor immer wieder Tote bei Auseinandersetzungen zwischen Muslimbrüdern und ihren Gegnern und diejenigen Ägypter, die auf Seiten des Militärs stehen, freuen sich, dass die Muslimbrüder nun auch in Saudi-Arabien zur Terrororganisation erklärt worden sind. Ansonsten warten alle gespannt auf die Präsidentschaftswahlen, welche ja noch vor unserer Abreise den Parlamentswahlen vorgezogen wurden.

Da der Großteil Indonesiens (87%) auch muslimisch ist, war es natürlich sehr spannend zu sehen, wie der asiatische Einfluss mit dem Islam verwoben ist. Generell ist Indonesien für eine eher moderate Auslegung des Islam bekannt. Neuigkeiten aus der Provinz Aceh im Norden von Sumatra berichteten aber, dass dort gerade erst die auf der  Scharia basierende Gesetzgebung verschärft wurde und ihre Durchsetzung  in Zukunft strenger gehandhabt werden solle. Die Provinz Aceh ist aber nur ein kleiner Teil im Norden Indonesiens.

Da Jakarta mindestens so bekannt ist für Verkehrschaos und Smogbelastung wie Kairo, entschieden wir uns, direkt von Jakarta nach Yojakarta weiter zu fliegen. Bereits am Flughafen, aber auch auf der gesamten weiteren Reise, zeigte sich, dass hier ein sehr viel liberalerer Islam gelebt wird. Verschleierte Frauen neben Frauen in Hotpants oder Frauen auf Fahrrädern bzw. Mopeds, was hier in Kairo Schockwellen auslösen würde (als Frau fährt man in Ägypten kein Fahrrad!!).

Zwei Tage nach dem wir an Surabaya/ Ost-Java vorbeigekommen waren, brach dort ein Vulkan aus, welcher vier der großen Flughäfen lahm legte. Glücklicherweise waren wir da bereits auf Bali angekommen und entkamen der kleinen Naturkatastrophe.

Insgesamt ist Indonesien ein wunderschönes Land mit vielen gastfreundlichen Menschen, wunderschöner und vielfältiger Natur und traumhaftem Meer.